Diabetes früher und heute

05.06.2010

Mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung dank medizinischem Fortschritt

Wer Wolfgang Fraas mit seinem Mountainbike durch die fränkischen Wälder fahren sieht, glaubt nicht, dass dieser Mann seit 45 Jahren an Typ 1-Diabetes leidet. Heute kann der Pensionär dank einer Insulinpumpentherapie seine Freiheit genießen und sich vielleicht bald einen seiner größten Träume erfüllen.

Laut Robert Koch Institut leiden rund fünf Prozent aller Diabetiker an Typ 1-Diabetes. Diese Form tritt überwiegend im Kindes-, Jugend- oder jungen Erwachsenenalter auf. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse angegriffen und zerstört werden. Die Folge: Der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Insulin versorgt und die Blutzuckerwerte steigen an. „Die Diagnose bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine Umstellung des Lebensstils, sondern auch eine lebenslange Insulintherapie, um den Blutzucker einzustellen und Folgeerkrankungen an Augen, Nieren oder Nerven zu vermeiden“, so Dr. Kirsten Peter Böhmer, Facharzt für Innere Medizin, Nephrologie, Hypertensiologie und Diabetologie in der Internistischen Fachklinik Dr. Steger in Nürnberg. Dass Diabetes und Lebensqualität kein Widerspruch sein müssen, zeigt sich an Wolfgang Fraas. Der 65-jährige Nürnberger lebt seit 45 Jahren mit der Krankheit. Er hat von Anfang an die Verhaltensregeln verinnerlicht und erfreut sich dank optimaler Therapie bester Gesundheit.

Im Jahre 1964 stellte der Hausarzt bei Wolfgang Fraas „Zucker“ fest. „Ich war immer müde, hatte unstillbaren Durst und musste ständig auf die Toilette“, erinnert sich der gelernte Elektrotechniker. „Der Arzt verschrieb mir einfach nur Tabletten. Das war der Beginn der schrecklichsten sechs Monate meines Lebens.“ Er fühlte sich wie ausgetrocknet, magerte ab und verlor seine Lebensfreude. Im Krankenhaus wurde er schließlich über einen Zeitraum von vier Wochen auf Insulin eingestellt. Damals wurde es ausschließlich aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen oder Rindern gewonnen. „Das Insulinspritzen fiel mir schwer. Es gab nur diese großen Glaskolben mit dicken Hohlnadeln. Kunststoffspritzen und Insulinpens kamen erst in den 1980ern auf den Markt. Beratungen, wie heute üblich, fanden nicht statt“, berichtet Wolfgang Fraas, der aktives Mitglied im Deutschen Diabetiker Bund ist. Auch die Dosierung des Insulins war in den 1960ern noch nicht richtig ausgefeilt. Nur einmal am Tag gespritzt, führte es häufig zu Unterzuckerung.

In den 1970er erfolgte die Einführung der zunächst noch analog arbeitenden Blutzucker-Messgeräte für den Selbsttest. Eine deutliche Verbesserung in der Therapie stellte die Produktion von Human- und später Analoginsulin dar. „Die Erfindung der künstlichen Insulinanaloga vor 14 Jahren ist für mich eines der größten Forschungsergebnisse. Es erleichtert das Leben mit der Erkrankung ungemein“, erklärt Wolfgang Fraas. Umso unverständlicher ist für ihn der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses, die Kostenübernahme von modernen Insulinanaloga durch die gesetzliche Krankenkasse abzuschaffen.

Vor fünf Jahren wechselte der Rentner schließlich vom Spritzen auf eine Insulinpumpe, da er zu den Risikopatienten zählt, die eine drohende Unterzuckerung nicht bemerken. Dr. Böhmer erklärt: „Normalerweise spürt ein Diabetiker, wenn der Blutzucker entgleist. Bei Unterzuckerung zeigen sich Symptome wie beispielsweise starkes Schwitzen, eine große Unruhe und Verwirrtheit. Bei einigen Betroffenen treten jedoch keinerlei Anzeichen auf. Ohne sofortiges Handeln kann es hier zur Bewusstlosigkeit kommen“. Der Vorteil einer Pumpe: Sie kann nach einem individuellen Zeitplan auf die automatische Abgabe einer bestimmten Menge Insulin programmiert werden. Die Einstellung und Pumpenschulung erfolgte bei Wolfgang Fraas in der Internistischen Fachklinik Dr. Steger. „Nicht immer ist ein mehrwöchiger Aufenthalt notwendig. Wir bieten unseren Patienten eine schnelle Diabetesversorgung im alltagsnahen Rahmen innerhalb von vier bis fünf Tagen an“, erläutert Dr. Böhmer.

Dank neuester Forschungserkenntnisse konnte in den letzten Jahren ein noch moderneres Insulinpumpensystem entwickelt werden, das der künstlichen Bauchspeicheldrüse sehr nah kommt. Für Patienten wie Wolfgang Fraas bedeutet das noch mehr Sicherheit. Diese Pumpen sind mit einem Glukosesensor gekoppelt, der regelmäßig die Blutwerte misst und bei drohender Über- oder Unterzuckerung warnt. Derzeit kämpft Dr. Böhmer zusammen mit seinem Patienten für die Erstattung durch dessen gesetzliche Krankenkasse. „Die neue Pumpentherapie wäre für mich der allergrößte Fortschritt. Dann wage ich auch endlich meinen Traum, die Alpen mit dem Fahrrad zu überqueren“, freut sich Wolfgang Fraas.

Über die INTERNISTISCHE FACHKLNIK DR. STEGER
Die Internistische Fachklinik Dr. Steger in Nürnberg hat sich auf die Behandlung von Diabetes in all seinen Erscheinungsformen spezialisiert. Sie zählt in der Region zu den zentralen Anlaufstellen für Betroffene. Wichtigste Säule der Therapie ist die Vermittlung einer gesunden Lebensweise, insbesondere die Anleitung zu einer diabetesgerechten Ernährung. Hierbei werden die Ärzte durch ein Team aus Diabetesberatern, Diätassistenten und Sporttherapeuten unterstützt. Regelmäßige Weiterbildungsmaßnahmen sichern einen modernen diagnostischen und therapeutischen Standard. Für die Behandlung der bei Diabetikern oft auftretenden Nieren- oder Herzprobleme stehen Spezialisten aus den Bereichen Nephrologie und Kardiologie zur Verfügung.